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Klimawandel im Weinbau – Teil 2

Klimawandel im Weinbau – Teil II

Junge Winzerin Theresa Breuer im Interview

Theresa Breuer

Wir sind Mitglied bei „Fair and Green“, eine Vereinigung für Winzer*innen, die sich für Umweltschutz, nachhaltige Betriebsführung und soziale Gerechtigkeit einsetzt.

Winzerin Theresa Breuer aus dem Rheingau im Interview

Liebe Frau Breuer, Ihre Weinreben wachsen hauptsächlich in Steillage auf kargem Boden mit südlicher Ausrichtung. Wie stark spüren Sie dort den Klimawandel?
Theresa Breuer: Unsere 38 Hektar Weinberge stehen am Rhein, im Weinanbaugebiet Rheingau in Rüdesheim, Rauenthal und bereits am Mittelrhein in Lorch. 80 Prozent davon sind Riesling, 50 Prozent wachsen in Steillage. Die klimatischen Veränderungen der letzten Jahre sind definitiv eine Herausforderung für uns! Vor allem das fehlende Wasser. Jeder Tropfen ist ein Geschenk. Die Trockenheit macht den Reben viel mehr zu schaffen als die Hitze. Vor 15 Jahren haben wir die Laubwand entblättern. Das heißt, die Trauben hingen in der prallen Sonne. Das machen wir heute nicht mehr: Wir sind froh über den Schatten! Dennoch lesen wir die Trauben heute durchschnittlich 15 Tage früher als noch vor zwanzig Jahren. Wir suchen nach Reife, nach der perfekten Traube, nicht nach Überreife. Es geht um die Kraft und den Ausdruck eines Weinberges, nicht um den Zuckergehalt der Beere.

Wie wirken Sie der Trockenheit entgegen? Müssen Sie die Weinberge bewässern?
Das ist ein wild diskutiertes Thema. Wir waren anfangs strikt gegen Bewässerung. Die älteren Reben wurzeln tief im Erdreich und müssen nicht bewässert werden. Aber die Junganlagen in Steillage schaffen es schlichtweg nicht mehr ohne. Unsere Toplagen im „Rüdesheimer Berg“, wurde in den 1960er Jahren Flurbereinigt. Das heißt, die Flächen wurden neu verteilt und angelegt. Diese Reben sind jetzt 60 Jahre alt – wir müssen neu pflanzen. Ein Jungfeld von uns steht nun im fünften Jahr, wir bewässern tröpfchenweise, aber haben immer noch keinen Ertrag. Es geht uns nicht um einen Ertrags-Push, sondern um die Überbrückung der ersten Jahre. Wir müssen die junge Pflanze und ihre noch schwache Wurzel stärken. Nur so können wir diese Kulturlandschaft erhalten.

Sie sind Mitbegründerin der neuen Zertifizierung „Fair and Green“, die sich für Umweltschutz, nachhaltige Betriebsführung und soziale Gerechtigkeit einsetzt. Wie kam das?
Wir arbeiten bereits seit 2011 nach den Richtlinien des ökologischen Landbaus, also haben aufgehört, Pestizide zu spritzen. Dennoch ließen wir uns nicht Bio zertifizieren. Diese Umstellung war ein inneres Bedürfnis von uns; wir wollten es nicht als Verkaufsargument anführen. Zweidrittel unserer Weine exportieren wir. Norwegen und Schweden sind unsere Hauptkunden. Diese Kunden kamen und sagten: „Wir glauben Euch ja, dass Ihr ökologisch arbeitet. Aber wir haben staatliche Richtlinien. Ihr müsst uns das jetzt nachweisen.“ Ich unterhielt mich mit Kollegen, die ähnliche Exportstrukturen haben: beispielweise mit Reinhard Löwenstein vom Weingut Heymann-Löwenstein an der Mosel und mit Cornelius Dönnhoff vom Weingut Dönnhoff an der Nahe. Die bestehenden Zertifizierungen am Markt waren zwar gut, aber holten uns noch nicht ganz ab. Also gründeten wir 2013 mit Gleichgesinnten den Verein „Fair and Green“ (Fair´n Green).

Wofür steht „Fair´n Green“? Was hat diese Zertifizierung, was andere Labels nicht haben?
Wir suchen den ganzheitlichen Ansatz. Nachhaltigkeit in den drei Dimensionen Ökologie, Ökonomie und Soziales. Wir kehren den Blick nach Innen und durchleuchten das gesamte Unternehmen, konkret die Weingüter. Mittlerweile auch die Zulieferer und Fachhändler. Nummer 1 unserer 10 Leitlinien besagt: „Wir begleiten unsere Branche gemeinsam in Richtung einer nachhaltigen Zukunft. Deshalb setzen wir bewusst unternehmerisch auf eine proaktive Integration von Nachhaltigkeitskriterien in unserem Kerngeschäft.“ Zuerst war es eine Idee, dann ein Verein, dann die Zertifizierung mit Label. Die Hochschule Geisenheim unterstützt uns wissenschaftlich. Wir haben aktuell über 50 Mitglieder in den Ländern Deutschland, Schweiz, Österreich, Frankreich, Italien und Israel (Stand Dezember 2020).

Was haben Sie konkret in Ihrem Weingut verändert?
Viele kleine und große Punkte. Wir haben zum Beispiel auf Ökostrom umgestellt. Da wir tolle Konditionen bekamen, konnten wir dabei sogar Geld sparen. Die größten CO2-Sünder beim Weinversand sind nicht die Kartons, sondern die Flaschen. Die Weine im Basissegment füllen wir nun alle in Leichtglas. Das war ein unglaublicher Wow-Effekt! Eine Leichtglasflasche wiegt nur 360 Gramm. Auf einer Palette haben wir 552 Flaschen. Pro Palette sparen wir nun 200 Kilogramm Gewicht! Unglaublich, oder? In unseren Weinbergen arbeiten wir naturnah und die Hochschule Geisenheim testet außerdem neue Einsaaten und Geräte bei uns zur Förderung der Biodiversität. Die Fachhochschule liegt quasi um´s Eck. Wir Winzer brauchen hier teilweise Begrünung, die den Boden schließt und vor Erosion schützt, die im besten Falle organisch düngt, aber kein starker Wasserkonkurrent ist.

Und was konnten Sie im sozialen Bereich verbessern?
Das ist als traditioneller Familienbetrieb eigentlich eine Selbstverständlichkeit für uns. Wir behandeln und bezahlen unsere Mitarbeiter gut. Die 30 Saisonhelfer stammen alle aus einem polnischen Dorf und kommen bereits seit Jahrzehnten im Herbst zu uns. Sie wohnen nicht in Bau-Containern, sondern bei uns im Weingut. Nicht in Einzelzimmern, aber wir geben unser Bestes. Natürlich verpflegen wir sie auch. Sie erhalten Mindestlohn und wenn etwas ansteht, zum Beispiel Corona-Tests, so übernehmen wir auch diese Kosten. Es ist uns wichtig, dass sie sich wohlfühlen. Seit Jahren laden wir Grundschüler und Kindergartenkinder zur Traubenlese ein. Das macht Freude und ist sinnvoll: Es geht um nachhaltige Akzeptanz für unser Tun. Auf meiner To-Do-Liste stehen außerdem noch Projektunterstützungen in anderen Ländern.

Wollen sich nun viele Kollegen aus dem Rheingau zertifiziert lassen?
Das wäre schön. Aber nein, der Rheingau ist eine Schlafmützen-Region. Die Dinge hatten lange eine große Selbstverständlichkeit, so nach dem Motto: „Natürlich arbeiten wir naturnah in der Steillage. Das ist doch alles Handarbeit!“ Meiner Meinung nach haben sich viele hinter dieser Behauptung versteckt. Aber zur Nachhaltigkeit gehört mehr dazu! …. (denkt nach) …. Ich will aber nicht klagen, die Bewegung „Fair and Green“ ist am Wachsen. Ein paar haben sich zertifizieren lassen, andere sind im Bewerbungsverfahren. Ich bin optimistisch.

Und wie haben Ihre Handelspartner in Skandinavien reagiert?
Sie haben eine neue Kategorie für uns im Weinregal erschaffen. Die Händler fragten uns anfangs: „Wo sollen wir Eure Flaschen denn jetzt hinstellen?“ Die Flaschen gehören weder zum konventionellen noch zum Bio-Weinbau. Nun haben wir bei vielen Märkten ein Regelkennzeichnung für nachhaltig produzierte Weine. Super!

Das Interview führte Sina Listmann