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Klimawandel im Weinbau – Teil 1

Klimawandel im Weinbau – Teil I

Junger Winzer aus der Südpfalz

Franz Wehrheim

Wir arbeiten als Familienweingut nach biologischen und biodynamischen Maßstäben in Weinberg und Keller und sind Mitglied in der jungen Gruppe „respekt-BIODYN“.

Winzer Franz Wehrheim aus der Südpfalz im Interview

Lieber Franz Wehrheim, Ihre Reben wachsen in der Südpfalz. Sie sind in den letzten Jahren sehr zufrieden mit den Jahrgängen. Macht Ihnen der Klimawandel nicht zu schaffen?
Franz Wehrheim: Der Klimawandel betrifft den Weinbau direkt. Auch uns. Die Südpfalz ist aber – man erwartet es vom Namen her nicht – der kühlste Teil der Pfalz. Das liegt an der direkten Anbindung an den Pfälzer Wald und seine Täler, die kühle Luft bringen. Unsere Lagen liegen höher als andere. Deshalb haben wir als Weingut in den letzten Jahren vom Klimawandel teilweise profitiert. Das wird aber nicht immer so bleiben. Ein kluger Winzer macht sich schon heute Gedanken, wo er welche Rebsorte pflanzt. Unsere Rieslinge sollen eine kühle und mineralische Stilistik zeigen, keine üppige Primärfrucht. In warmen Lagen werden wir daher keine Rieslinge mehr pflanzen. Dort werden wir mehr auf Burgundersorten setzen – wie Weiß- und Spätburgunder, die gut mit der Wärme zurechtkommen, wie aktuell in Baden. Der Rebsortenspiegel wird sich dahingehend verschieben. Gleichzeitig werden wir in Deutschland perspektivisch mehr internationale Rebsorten anbauen, denke ich.

Sie arbeiten nach bio- und biodynamischen Richtlinien. Warum und was bedeutet das?
Wir sind bereits seit dem Jahrgang 2009 biologisch zertifiziert. Im Jahr 2006 – ich war kurz vor dem Abitur –, fragte mich mein Vater, was ich von der Umstellung auf biologischen Weinbau halte. Er bezog mich früh ein. Wir entschieden uns für die Umstellung, die drei Jahre lang dauerte. Unsere Motivation war diese: Wir wollten ein gesünderes Produkt. Konventionell hergestellte Weine sind nicht ungesünder – bitte nicht falsch verstehen! Im biologischen Weinbau nutzen wir aber keine systemischen Spritzmittel. Nichts dringt in die Traube ein. Das fanden wir gut. Aber wir wollten noch darüber hinaus: mit der Biodynamie nach Rudolf Steiner.

Zu der auch das Vergraben von Kuhhörnern und das Ernten nach Mondzeiten gehört?
Ja, auch. Aber das sind nur die plakativen und polarisierenden Beispiele. Biodynamik ist eine Philosophie, eine ganzheitliche Wertvorstellung. Sie ist ein nachhaltiger Ansatz für die Zyklen der Landwirtschaft. Griechisch „Bios“ bedeutet Leben und „Dinamikòs“ steht für Bewegung. Ziel ist, das gesunde Gleichgewicht in Böden und Pflanzen sowie Tieren und Menschen herzustellen und die natürlichen Abwehrkräfte zu stärken. Die Erde ist mit das Wertvollste, was wir haben. Wir begrünen die Rebzeilen. Einmal für die Biodiversität: Nützlinge und Bienen freuen sich über Kleeblüten. Der Raps lockert mit seiner Pfahlwurzel den Boden. Toll für Regenwürmer. Die meisten Leguminosen mit ihren Wurzelknöllchen, beispielsweise Wicke, gehen eine Symbiose mit Stickstoff bindenden Bakterien ein. Sie bilden natürlichen Dünger für die Rebe.


Und warum haben Sie sich der Gruppe „respekt-BIODYN“ angeschlossen?
Weil wir uns mit den biodynamischen Zertifizierungen, die bereits am Markt waren, schwer getan haben. Demeter macht beispielweise einen tollen Job, aber dort fehlt die Weinkompetenz. Ich kann nicht für meine Kollegen sprechen. Aber wir Winzer haben uns zwischen Milch und Honig irgendwie wie kleine Lichter gefühlt. Wir arbeiten seit 2007 nach biodynamischen Grundlagen und sind seit 2017 zertifiziert. Die Idee zur Gruppe „respekt-BIODYN“ kam aus Österreich. Kamptal-Winzer Fred Loimer kam auf ein paar deutsche und Südtiroler Weingüter zu. Ich war mit beteiligt an der Richtliniengestaltung: „respekt-BIODYN“ ist mehr als Biodynamie: Wir begreifen den landwirtschaftlichen Betrieb als „ganzheitliches Wesen“, dem Wertschätzung, Respekt und Pflege entgegengebracht wird. Die Ideen und Methoden der Biodynamie werden angewandt. Innerhalb der Betriebe schaffen wir sichere Existenzen und gesunde Lebens- und Arbeitsbedingungen. Wir achten auf respektvolle Beziehungen zu Mitarbeitern, Partner*innen und Kund*innen.

Hat die Gruppe viele neue Anhänger gefunden?
Da uns der Austausch zwischen den Personen sehr wichtig ist, versuchen wir, neue Mitglieder immer erst kennenzulernen. Dafür gibt es Veranstaltungen, zu denen wir einladen. In der Pfalz sind wir aktuell zu fünft: Steffen Christmann und Hansjörg Rebholz seit 2015, im Jahr 2017 folgten wir, 2018 stießen Martin und Georg Fußer hinzu, seit 2021 ist Sven Leiner dabei. „respekt-BIODYN“ hat insgesamt 25 Mitglieder in Österreich, Deutschland und Südtirol (Stand Januar 2021). Die Weinqualität – bzw. die Idee, die ein Weingut verfolgt – ist uns sehr wichtig.

Sie setzen sich auch beim VDP für Nachhaltigkeit ein. Inwiefern?
Wir sind bereits seit 1991 Mitglied beim VDP (Der Verband Deutscher Prädikatsweingüter e.V.). Vor einem Jahr, also 2020, gründeten wir – Johannes Hasselbach vom Weingut Gunderloch in Rheinhessen, die VDP-Geschäftsstelle und ich – das interne Komitee für Nachhaltigkeit. Wir sind fast 200 Mitglieder beim VDP, unser Bedarf könnte oft gebündelt werden. Etwa 50 Prozent unseres CO2-Bedarfs kommen von der Glasflasche. Wenn wir alle im Basissegment auf Leichtglas umstellen würden, wäre das gut für die Umwelt. Weniger CO2 bei der Produktion, weniger CO2 beim Versand. Und es wäre auch wirtschaftlich interessant: Insgesamt sind wir viele mehr oder weniger kleine Weingüter und der Schlüssel liegt für uns in der Organisation. Durch diese können wir gemeinsam viel erreichen.

Haben Sie Wünsche an Politik, Weinbau und Gesellschaft?
Man muss als Winzer nicht biodynamisch wirtschaften. Ich bin kein Bekehrer. Aber ich würde mir wünschen, dass mehr Kollegen einem nachhaltigen Weinbau folgen. Wir haben eine besondere Verantwortung! Wir gehören zu den führenden Industrienationen und nur neun Prozent der Weingüter wirtschaften nach biologischen Maßstäben. Aber man muss sich Nachhaltigkeit auch leisten können: Unser Familienweingut ist privilegiert. Wir können uns das leisten. Die meisten Landwirte, die ich kenne, lieben, was sie tun! Und die wirtschaften so, weil sie es so müssen, weil es sich anders nicht lohnt. Es wäre unfair zu sagen: Ihr müsst jetzt alle auf Bio umstellen! Die Politik muss die richtigen Anreize dafür setzen. Und auch die Verbraucher sind gefragt: Wer Lebensmittel aus nachhaltiger Landwirtschaft gut findet, aber nicht kauft, der hilft nicht. Es ist eine gesellschaftliche Herausforderung, die wir nur gemeinsam lösen können.

Das Interview führte Sina Listmann